In eurem Unternehmen gibt es zwei Gruppen. Die eine arbeitet seit Monaten mit Claude Code und redet über wenig anderes. Die andere hört zu, versteht ungefähr die Hälfte und wartet weiter darauf, dass jemand aus der ersten Gruppe Zeit hat.
Diese zweite Gruppe ist meistens die größere. Marketing, Vertrieb, Customer Success, die Geschäftsführung. Und ihre Aufgaben stauen sich nicht, weil sie zu schwer wären, sondern weil sie zu klein sind, um die Produktentwicklung dafür zu unterbrechen. Ein Preis auf der Webseite. Eine Landingpage für die Messe. Die Auswertung, die im letzten Board-Meeting jemand angefragt hat.
Der Artikel handelt von dieser zweiten Gruppe.
Warum das Werkzeug eurer Entwickler auch euch gehört
Claude Code arbeitet auf Dateien. Es liest einen Ordner, ändert darin Dateien und führt Befehle aus. Programmieren ist ein Anwendungsfall davon, nicht der Zweck. Eine CSV-Datei ist eine Datei. Ein Ordner mit 200 PDFs ist ein Ordner.
Für alle, die kein Terminal aufmachen wollen, gibt es seit Januar 2026 Cowork. Dieselbe Technik in der Claude-Desktop-App, ohne Kommandozeile, auf einem freigegebenen Ordner. Anthropic nennt als Entstehungsgrund ausdrücklich, dass die eigenen nicht-technischen Teams angefangen hatten, Claude Code für mehrstufige Arbeit zu benutzen.
Die Aufteilung, die sich in der Praxis bewährt:
- Cowork für alles, was auf Dateien passiert und nicht deployt wird. Auswertungen, Dokumente, Ordnerarbeit, wiederkehrende Berichte.
- Claude Code dort, wo ein echtes Repository und ein Deploy-Weg dranhängen. Die Marketing-Seite ist der Standardfall.
Die Zahl, die die Diskussion beendet
Anthropic hat rund 400.000 Claude-Code-Sitzungen von etwa 235.000 Personen ausgewertet, Oktober 2025 bis April 2026. Bei Aufgaben mit Code erreichen alle größeren Berufsgruppen im Schnitt fast dieselbe Erfolgsquote wie Software-Entwickler. Was zählt, ist Fachwissen im eigenen Gebiet.
Das ist die Antwort auf den Einwand, den ihr intern hören werdet. Nicht "die können das nicht", sondern: Eure Performance-Marketerin weiß besser als jeder Entwickler, welche Anzeigenvariante sie braucht. Genau dieses Wissen ist der knappe Teil.
Zwei belegte Beispiele aus Anthropics eigenen Teams:
Ein Account Executive ohne Programmiererfahrung baute ein Werkzeug, das eingehende Kundenmails in seinem Stil vorformuliert. Rund 4.300 Zeilen, praktisch vollständig von Claude Code geschrieben. Nach 24 Stunden im internen Chat nutzten Kollegen mit. Heute paketiert er solche Werkzeuge für das ganze Vertriebsteam.
Im Growth Marketing fiel die Erstellzeit für eine Anzeige von 30 Minuten auf 30 Sekunden, über einen Ablauf, der Kampagnendaten liest, schwache Anzeigen findet und Varianten innerhalb der Zeichenlimits ausgibt. Gebaut von jemandem, der vorher nachschlagen musste, wie man ein Terminal öffnet.
Beide Belege stammen von Anthropic über Anthropic-Mitarbeiter. Das ist kein Grund, sie zu ignorieren, aber einer, sie als das zu lesen, was sie sind.
Für den deutschen Markt gibt es dazu einen nüchternen Referenzwert. Nach dem IAB-Betriebspanel nutzte 2025 knapp ein Viertel der Betriebe in Deutschland generative KI, 2023 waren es 5 Prozent. In der Branche Information und Kommunikation, also eurer, sind es 59 Prozent. Der interessantere Teil der Zahl: 90 Prozent greifen dabei auf frei zugängliche Anwendungen zurück. Übersetzt heißt das, die meisten arbeiten mit einem Chatfenster im Browser und einem privaten Zugang. Genau diese beiden Punkte sind es, die den Unterschied zwischen Spielerei und Arbeitsmittel ausmachen.
Sechs Dinge, die euer Team ab morgen selbst erledigt

Änderungen an der Marketing-Seite. Der Klassiker und der Fall mit dem größten Hebel. Vorausgesetzt, die Marketing-Seite liegt in einem eigenen Repository, nicht im Produkt-Repository. Textänderung, neuer Abschnitt, neue Kundenlogos. Beschreiben, Vorschau prüfen, freigeben.
Kampagnen-Landingpages in Serie. Eine bestehende Seite ist die Vorlage, daraus entstehen Varianten mit anderem Text, anderem Bild und eigenen Tracking-Parametern. Bei Anthropic läuft das analoge Muster im Creative-Bereich, ein Plugin erzeugt bis zu 100 Anzeigenvarianten, Bauzeit rund eine Stunde.
Anzeigen-Copy aus echten Zahlen. CSV-Export einlesen, Underperformer identifizieren, Varianten ausgeben, die den Zeichenlimits entsprechen. Fertig zum Hochladen.
Auswertungen aus CRM- und Produktdaten. Bei Anthropic sortiert ein Vertriebler seine rund 700 Kunden täglich nach Wachstum, damit klar ist, wo Vertriebszeit hingeht. Die Frage "welche Accounts ziehen gerade an" beantwortet ihr damit selbst.
Der wiederkehrende Wochenreport. Anthropics Marketing-Operations-Team hat einen Report, der vorher ein bis zwei Tage pro Woche kostete, auf Stunden gebracht. Der Ablauf liest den Vorwochen-Report und das letzte Meeting-Transkript, zieht Zahlen aus dem Warehouse und legt einen Ordner mit Auswertung und Vorschlägen ab. Widersprüchliche Zahlen werden gemeldet statt geraten. Das lief über Cowork.
Kundendaten für QBRs aufbereiten. Nutzungsdaten, Ticketverlauf und Vertragsdaten pro Kunde auf eine Seite verdichtet, im gleichen Format für alle. Der Aufwand liegt einmalig im Definieren der Vorlage.
Die letzten beiden Punkte sind Übertragung, kein Nachweis. Die Mechanik ist belegt, der konkrete Ablauf in eurem Haus nicht.
Wo die Grenze verläuft und wie ihr sie zieht
Der Einwand kommt aus dem Engineering und er ist berechtigt. Die Antwort darauf ist keine Vertrauensfrage.
Der Grund für die Grenze ist nicht Misstrauen. In einem Repository, aus dem euer Produkt gebaut wird, sind Review, Tests und Freigabe die eigentliche Absicherung. Die kann jemand ohne den Kontext nicht sinnvoll bedienen, egal wie sorgfältig er arbeitet.
Vier Mittel, die technisch greifen:
- Getrennte Ordner sind die Grundtrennung. Claude Code schreibt nur in den Ordner, in dem es gestartet wurde, plus dessen Unterordner. Übergeordnete Verzeichnisse sind ohne ausdrückliche Freigabe tabu, Lesen außerhalb der Grenze löst eine Rückfrage aus.
- Standard ist nur lesen. Jede Dateiänderung und jeder ausführende Befehl brauchen eine Freigabe. Regeln gibt es als Allow, Ask und Deny.
- Deny schlägt Allow. Ein breites Verbot lässt sich nicht durch eine engere Erlaubnis aushebeln. Ein Werkzeug, das per Deny gesperrt ist, verschwindet ganz aus dem Kontext.
- Die Regeln setzt die Software durch, nicht das Modell. Das ist der Punkt, der die Diskussion mit dem Engineering entspannt. Eine Anweisung in einer Projektdatei ist eine Bitte. Eine Berechtigungsregel ist eine Sperre.
Ab dem Team-Plan lassen sich diese Vorgaben zentral für die ganze Organisation setzen, statt sie jedem einzeln zu erklären.
Ein Unterschied, der schwerer wiegt als jede Berechtigungsregel: auf welchem Plan gearbeitet wird. Bei Free, Pro und Max entscheidet eine Einstellung im Konto darüber, ob Inhalte zur Modellverbesserung genutzt werden. Das schließt Coding-Sitzungen ein. Ist sie aktiv, liegt die Aufbewahrung bei fünf Jahren. Bei Team, Enterprise und der Entwicklerplattform trainiert Anthropic nicht mit euren Inhalten, außer die Organisation tritt ausdrücklich einem Partnerprogramm bei. Die Standard-Aufbewahrung liegt dort bei 30 Tagen.
Dazu kommt der rechtliche Teil. Der Auftragsverarbeitungsvertrag nach Artikel 28 DSGVO gehört zu den kommerziellen Bedingungen. Auf Free, Pro und Max gibt es ihn nicht. Wer also mit dem privaten Zugang eine Kundenliste auswertet, arbeitet ohne Grundlage, unabhängig davon, wie sauber der Ordner getrennt ist. Zero Data Retention, also gar keine Speicherung, gibt es nur für geprüfte Enterprise-Konten über den Anthropic-Vertrieb. Cowork ist davon ausdrücklich nicht abgedeckt.
Organisatorisch braucht ihr dazu wenig. Ein eigenes Repository und einen eigenen Deploy-Weg für die Marketing-Seite. Eine benannte Person aus dem Engineering, die freigibt. Und eine klare Linie, was ohne Review live geht (Text, Bild, Landingpage-Variante) und was nie ohne Review geht (alles mit Kundendaten, Zahlungen oder Login).

Was es kostet und wo die Rechnung entgleist
Stand August 2026, direkt von Anthropic:
- Pro: 17 US-Dollar im Monat bei Jahreszahlung, 20 monatlich.
- Max: ab 100 US-Dollar im Monat, fünf- oder zwanzigfache Nutzungsmenge gegenüber Pro.
- Team: Standardplatz 20 US-Dollar pro Platz und Monat bei Jahreszahlung, 25 monatlich. Premiumplatz 100 beziehungsweise 125, mit fünffacher Nutzung. Die Platztypen sind mischbar.
- Enterprise: Platzgebühr ab 20 US-Dollar plus Nutzung nach Verbrauch, dazu SSO, SCIM, Audit-Logs und zentrale Richtlinien.
Als Erfahrungswert nennt Anthropic für Unternehmenseinsätze rund 13 US-Dollar pro Person und aktivem Tag sowie 150 bis 250 im Monat, bei 90 Prozent der Nutzer unter 30 pro aktivem Tag. Diese Zahlen stammen von Entwicklern unter Dauerlast. Für Marketing-Nutzung gibt es keinen vergleichbaren Wert. Ihn hochzurechnen wäre erfunden.
Auf Team und Enterprise deckelt zuerst das Kontingent des jeweiligen Platzes. Es setzt sich in einem rollierenden Fünf-Stunden-Fenster zurück, dazu kommt ein Wochenfenster. Geteilt wird es zwischen Chat, Claude Code und Cowork. Wer darüber hinaus arbeiten will, braucht freigeschaltete Guthaben, für die sich Grenzen pro Organisation, Gruppe und Person setzen lassen.
Die vier häufigsten Kostentreiber laut Anthropics eigener Dokumentation:
- Sitzungen, die nie geleert werden. Der gesamte bisherige Verlauf geht bei jeder Anfrage mit. Zwischen zwei Themen leeren.
- Das größte Modell als Dauereinstellung. Für Textarbeit und Auswertungen ist das selten nötig.
- Ungenutzte Anbindungen, die bei jeder Anfrage mitgeladen werden.
- Geplante Aufgaben, die auch dann feuern, wenn es nichts zu tun gibt.
Sichtbarkeit bekommt ihr über den Verbrauchsbefehl mit Aufschlüsselung, einen Ausgabenbericht als CSV und ein Dashboard. Das solltet ihr einschalten, bevor der Verbrauch ein Thema wird, nicht danach.
Die Fehler, die andere schon gemacht haben
Der Teil, den Begeisterung gerne überspringt.
Eine Untersuchung der Cloud Security Alliance vom April 2026 kommt zu dem Ergebnis, dass 45 Prozent der KI-generierten Code-Beispiele aus über 100 getesteten Modellen Schwachstellen aus den OWASP Top 10 enthalten, ohne erkennbare Besserung über mehrere Testzyklen. Dieselbe Quelle beschreibt, dass KI-gestützte Entwickler drei- bis viermal so viele Änderungen liefern und dabei Sicherheitsfunde in zehnfacher Rate erzeugen. Rund 20 Prozent der Beispiele verweisen auf Pakete, die es gar nicht gibt.
WIRED hat im Mai 2026 tausende schnell zusammengebaute Anwendungen beschrieben, bei denen Firmen- und Personendaten offen im Netz standen, teilweise ganz ohne Zugriffsschutz.
Keine dieser Zahlen spricht gegen die sechs Anwendungsfälle oben. Sie sprechen gegen eine bestimmte Sorte davon: die selbstgebaute Anwendung, die plötzlich Kundendaten verarbeitet und im Netz erreichbar ist. Für alles, was Dateien aufräumt, Auswertungen baut und Texte erzeugt, ist das Risiko ein anderes.
Und ein Punkt zur Haltbarkeit. Anthropic selbst legt Dinge, die bleiben sollen, nicht als lose Skripte ab, sondern paketiert sie und rollt sie über die Organisation aus, mit einer Person, die sie pflegt. Die brauchbare Faustregel für ein Unternehmen eurer Größe: Was mehr als eine Person benutzt oder länger als ein Quartal laufen soll, braucht einen Eigentümer und gehört in ein Repository. Alles andere ist Wegwerf-Automation. Das ist völlig in Ordnung, solange es niemand für Infrastruktur hält.
Wenn ihr an dieser Stelle merkt, dass ihr eigentlich über Agenten redet und nicht über ein Datei-Werkzeug, lohnt vorher die Klärung, was ein KI-Agent wirklich ist. Die Begriffe werden im Markt gerade munter durcheinandergeworfen.
Ein Pilot in zwei Wochen
Woche 1. Zwei Personen, ein abgegrenzter Ordner, ein Fall mit messbarem Ergebnis. Der Wochenreport eignet sich am besten, weil ihr den Vorher-Wert kennt. Wenn Firmendaten im Spiel sind, ist Team die Mindeststufe, denn auf Pro und Max fehlt der Auftragsverarbeitungsvertrag.
Woche 2. Der zweite Fall, diesmal mit Deploy-Weg. Eine Textänderung auf der Marketing-Seite, durch den vollen Ablauf inklusive Freigabe.
Danach entscheidet ihr an drei Fragen. Hat die Person aus dem Fachbereich es allein hinbekommen. Musste ein Entwickler seltener einspringen als vorher. Und hat jemand außerhalb der beiden Piloten von selbst gefragt, ob er auch einen Zugang bekommt. Die dritte Frage sagt am meisten aus.
Was oft übersehen wird: Der Engpass verschwindet nicht, er wandert. Wenn Seiten und Auswertungen billig werden, ist die nächste knappe Ressource die Entscheidung, was überhaupt entstehen soll. Diese Frage bleibt bei euch. Wie eine Webseite aussieht, die diese Entscheidungen sichtbar macht, ist unser Teil davon.




